Mittwoch, 30. November 2016

Wie leicht lässt sich Nachhaltigkeit als Interior-Blogger umsetzen?



Das war eine der außergewöhnlichen, guten Fragen die ich Indecorate, anlässlich ihrer neuen Reihe #IDinspire, beantworten durfte. Indecorate ist eine Plattform, die individuelles und erschwingliches Interior Design vor Ort anbietet.

So kurz so ein Interview ist, ich finde jede Möglichkeit für einen noch so kleinen Anstoß wichtig, dass nicht nur Slowfood und Slowfashion mehr und mehr zum gesellschaftlichen Thema werden, sondern auch Slowfurniture, Slowliving.
Mit Bedacht einrichten: Handwerk würdigen, Familienunternehmen unterstützen statt fragwürdige Milliardenbetriebe, Wertschätzung von Natur, Mensch und Tier, kein Schnellschnell, kein Geiz-ist-geil auf Kosten anderer, ganz viel von dem nutzen was bereits da ist - 2. Hand.



Auf diesem Foto ist fast alles 2.Hand gekauft und DIY.
Ausnahme: Pflanzen, Zeitschriften und die Turnschuhe aus recycelten PET-Flaschen.

 

Denn wie schaut so eine Produktionskette von unseren Wolldecken, Sofabezügen und Bettwäsche aus? Wie kann es sein, dass ein neuer Kerzenständer nur 2,50 Euro und ein neuer Kleiderschrank nur 70 Euro kostet? Viele versuchen auf Palmöl in Lebensmitteln und Kosmektik zu verzichten, wie sieht es mit Kerzen aus? Welch perfide Machenschaften unterstützen wir mit dem Einkauf bei dem Onlineshopmonopolisten und bewerten den Zeitfaktor als gerechtfertigten Grund? Die Auswirkungen betreffen jeden Punkt des Nachhaltigkeitsbegriffs: Ökologie, Ökonomie, Soziales, Bildung, Kultur. Muss es jedes Jahr eine neue Kissenparade sein und der sechste Beistelltisch? Früher waren 1-Euro-Läden und andere niedrigpreisige Filialisten meine Anlaufstellen, um z.B. mit schönen und lustigen Nebensächlichkeiten den Adventskalender zu füllen, völlig unreflektiert. Demnächst gibt es auch hier in Köln wieder eine Filiale mehr, die Augenweiden anbietet, und der Blick dahinter ist zum Heulen.

Landraub der zum Existenszerlust führt, Kinderarbeit, krankmachende Substanzen, unfruchtbare Frauen, lungenkranke Männer, krankende Ökosysteme, aussterbende Tierarten, ein System das Abhängigkeiten schafft und an Krankheit verdient. Das berührt uns zutiefst. Mitmenschlichkeit, Naturverbundenheit, Tierliebe und der Sinn für Gerechtigkeit ist in uns manifestiert. Die Transferleistung, was das mit Fastfurniture, Fastdecoration, Fastfashion zu tun hat, ist nicht so eindrücklich wie ein Foto einer schwarzen Lunge auf der Zigarettenschachtel, auch nicht so berührend wie wenn es die eigene Tochter, den eigenen Vater betreffen würde, deshalb ist es umso wichtiger darüber zu reden. Eigentlich will doch niemand dieses unsagbare Leid mitverantworten. Wir tun es aber; die Wirtschaft, die Politik, die Konsumenten, ich und Du. Gibt es Alternativen? 


So viele! Bevor ich nun Läden mit Neuwaren aufzähle, die gibt es hier, letzten Samstag erst war ich mal wieder in zwei meiner liebsten Kölner 2.Hand-Kaufhäusern unterwegs, BfO und Emmaus. Einige haben es in meinen Instagram-Stories mitverfolgt und ich habe mich sehr über die Resonanz gefreut - danke! :) Es ist nicht immer so, aber diesmal hätte ich wieder taschenweise schönes Zeug mit heim nehmen können, viel mehr als ich brauche oder mir an Überfluss gut tut. Es ist günstiger als jeder Gang zum Möbeldiscounter, nachhaltiger als jedes neue Produkt (egal ob fair oder nicht fair produziert), individueller als Massenneuware.

Screenshot der 2.Hand-Kaufhausreise mit Keramik, Holzbrettchen, Eisenbett = Gartenbett, Metallschrank, Missoni-Jacke, Handmade-Wollsocken, Weihnachtsdeko, Fairfashion von Armed Angels, Gitarren, Bilderrahmen, Noten, Bücher, Teppiche, Lampen, Kinderkleidung, Blumentöpfe, Kunsthandwerk, Karnevalskostüme, etc.

Unser Einkauf ist ein Stimmzettel, wir tragen Verantwortung, wir haben es in der Hand. Und (!) es ist besser, unvollkommen zu beginnen, als perfekt zu zögern, sagt Bodo Schäfer.

So. Und wie lässt sich nun Nachhaltigkeit als Interior-Blogger umsetzen? 
Indem ich manchmal mehr sage, als nur Dönekes zu zeigen.



Im ernst, es ist n
icht einfach. Kaufanreize vs. Konsumkritik. Und wer will schon unbequeme Sachen lesen und ein Blog lebt davon, gelesen zu werden. Und was habe ich davon, wenn ich so vor mich hin monologisiere? Darauf habe ich ehrlich gesagt oft keine erbauliche Antwort. Wertvoll sind eben die Leser, die "dennoch" hängen bleiben, die Ihre Meinung, Ihr Wissen in den Kommentaren teilen oder auch einfach nur still das Thema in sich bewegen, zum Abnicken, zum Kopfschütteln, wie auch immer. Der Anstoß, der Austausch gibt der Sache ihren Sinn.

Mir geht es augenscheinlich nicht um Massenkompatibilität, Affiliate-Links zum schnellen Nachkaufen wird es hier nicht geben, genauso wie Kooperationen mit angesagten Unternehmen die Ruhm, Ehre, Reichweite und Geld bringen auf der Basis zweifelhafter Philosophien. So viele vermeintliche Schmankerl habe ich schon abgesagt. Die Anfragen haben mir geschmeichelt, weil mein Blog offensichtlich zu einer interessanten Plattform geworden ist, aber am Ende des Tages - hat es keinerlei Bedeutung. Meine ethischen Werte sind neben meinem persönlichen Geschmack die Basis meines Blogs.

Ich bin nicht gegen Werbung, verstehe überhaupt nicht, dass so viele BloggerInnen mit der Kennzeichnungspflicht ein Problem haben. Worte wie Authentizität, Ehrlichkeit, die immer wieder gepriesen und beklatscht werden, finde ich nicht nur in dem Zusammenhang mehr als verquer. Ehrlichkeit ist eine Selbstverständlichkeit, es braucht kein "Ehrlich gesagt, ..." und andersrum kein "Danke für Deine Ehrlichkeit!". Privatsphäre ist etwas anderes, ich habe den Eindruck, das wird oft verwechselt. Bewusst eingesetzte Werbung finde ich sinnvoll. Nicht selten bin ich BloggerInnen dankbar für werbende Tipps die mit meinen Werten und Wünschen einher gehen - 'Gutes gehört weiter gesagt'!

Von Leserzahlen sind Kooperationen abhängig. Im Bereich des 'Green Blogging' sind diese geringer, weil die Masse auf Quantität statt Qualität aus ist, umso bedeutender ist die relevante Reichweite. Das seid Ihr, meine Leser, die Ihr ähnlich tickt wie ich und ich wiederum bin es mit Euch zusammen bei anderen Blogs. Hier wird nicht an einem Tag bspw. ein Ikea-Möbel beworben und am nächsten Tag für einen bewussten Konsum plädiert. Faire Kooperationspartner wertschätzen den roten Faden und die Arbeit für einen Blogbeitrag mit angemessener Entlohnung. Und wie viele Unternehmen gibt es, die sich die Frage nach der ethischen Fairness stellen und sich nicht in einem verwässerten Nachhaltigkeitswischwasch von der Marketingabteilung grün schreiben lassen? 


Hier gehts zum Interview.

Indecorate, liebe Leonie, danke für die guten Fragen!

Liebe Grüße . Maren




P.S.: Gestern Abend habe ich noch mal den Film The True Cost gesehen. JEDER sollte ihn gesehen haben, jeder. Vorab gab es The Story of Stuff. Dieses und unzählige weitere Videos zum Thema Fastfashion, ... gibt es, oft kostenfrei, auf verschiedensten Plattformen zu sehen. Nicht, dass irgendjemand von nix weiß, ne? ;)

Kommentare:

  1. Liebe Maren,

    vielen Dank noch einmal für das schöne Interview! Wir finden es prima, dass du dich für Nachhaltigkeit im Interior-Bereich einsetzt und hier wunderbare Tipps parat hast!
    Liebe Grüße
    Leonie von INDECORATE

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    1. Ich danke, dass ich mit meinen Gedanken bei Euch zu Gast sein durfte! Liebe Grüße zurück! :)

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  2. Beeindruckendes Statement!Mich öden die Blogs mit den ewig gleichen,oft gesponserten Einrichtungsideen mittlerweile sehr an. Es fehlt das Individuelle. Ich will niemanden "fertig machen" oder beurteilen, aber ich lese dies Blogs nicht mehr: sie stehlen mir meine Zeit! Danke für deine nachhaltigen, individuellen Ideen!

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  3. Deinen Beitrag habe ich mit viel Interesse gelesen. Ich finde auch, dass sich der Verantwortung bewusst sein sollte, die man als Käufer hat, und zwar besonders als Blogger. Meine Devise ist, möglichst wenig zu kaufen und die Sachen, die ich bereits besitze, lang zu nutzen. Außerdem habe ich auch gebrauchte Möbel zum Teil vom Sperrmüll, die mit etwas Pflege wieder gut aussehen. Wenn ich doch etwas kaufe, versuche ich auf jeden Fall kleinere Läden oder Online Shops zu unterstützen. Also, nachhaltig bloggen ist ein sehr interessantes Thema, zu dem es noch viel mehr zu sagen gibt.
    Liebe Grüße,
    Amely

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    1. Stimmt, es gibt viel mehr zu sagen, ... Aber vorerst danke ich Dir sehr für Deine Rückmeldung zu diesem kurz gefassten ;) Auszug meiner Gedanken!

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